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Im Landkreis Oberallgäu durch die Passstraße über den Riedbergpass verbunden liegen die beiden zur Verwaltungsgemeinschaft Hörnergruppe gehörenden Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein. Seit Mitte 2018 wird in dieser touristisch geprägten Region das Projekt „Digitale Hörnerdörfer – Allgäu“, das mittlerweile fünfte digitale Dorf in Bayern, umgesetzt. Der Tourismus bringt für die sehr kleinen Gemeinden, ihre Einwohner und die teils ehrenamtlichen Bürgermeister Herausforderungen mit sich, die nun mit Hilfe von digitalen Lösungen gemeistert werden sollen. Weitere Handlungsfelder sind Mobilität und Dienste. Seit Juli 2021 stehen auch die Themen Nahversorgung, interkommunale Zusammenarbeit, Besucherlenkung und Drohneneinsatz im Fokus.

Die kleinen Gemeinden und Touristinformationen der Hörnerdörfer haben wenig Personal, viele touristische und kulturelle Angebote stehen noch ausschließlich analog zur Verfügung. Daher sollten digitale Lösungen, etwa Touchterminals, die Touristen unterstützen und das Personal entlasten. Die Geräte sind teils rund um die Uhr für Gäste und Einheimische zugänglich. Darüber hinaus erfolgte die Montage von Webcams. Die „Beliebteste“, die Weitwinkelkamera mit Blick auf alle Ortsteile Obermaiselsteins, verzeichnet im Schnitt fast 1.100 Zugriffe täglich. Die Webcams sind für Urlaubsgäste offensichtlich ein Mittel, auch in Zeiten von Beherbergungsverboten Kontakt zu „ihren“ Hörnerdörfern zu halten. Darüber hinaus bilden die Kameras ein probates Mittel, um sich in Echtzeit über die Wetterlage zum Beispiel am Bolgengrat oder im abgelegenen Hochtal in Balderschwang zu informieren.

Touristische Hotspots – wie die Sturmannshöhle in Obermaiselstein als einzige begehbare Spalthöhle des Allgäus – sind regelmäßig überlaufen und fordern von Besuchern lange Wartezeiten. Ziel des Teilprojekts ist einerseits die Besucherlenkung, andererseits die Aufwertung des touristischen Erlebnisses rund um die Sturmannshöhle. Dazu wurde ein Konzept für die Verwendung von Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) Lösungen im Tourismus erarbeitet. Beispielsweise könnten vor oder nach dem Besuch der Höhle zur Visualisierung historischer, geologischer oder thematischer Inhalte VR/AR-Lösungen eingesetzt werden. Des Weiteren wurde untersucht, wie durch den Einsatz von digitalem Content zusätzliche Touchpoints und Interaktionsmöglichkeiten für Besucher geschaffen werden können, um lange Wartezeiten für die Höhlenführungen zu entzerren und bei Überlastung Alternativangebote zu schaffen. Ab Herbst 2021 soll die Konzeptumsetzung erfolgen.

Die Hotels in Balderschwang bieten ihren Gästen einen Shuttleservice u.a. vom / zum Bahnhof im 17 km entfernten Fischen im Allgäu an. Bislang fand keine Abstimmung zwischen den Hotels statt, so dass die Fahrzeuge nicht ausgelastet sind, obwohl in vielen Fällen ein Fahrzeug alleine alle ankommenden bzw. abreisenden Gäste transportieren könnte. Es entwickelte sich die Idee eines Portals zur Abstimmung des Gästetransports unter den Gastgebern Balderschwangs. Das Fahrtenportal „HörnerShuttle“ ist abrufbar unter www.hoernershuttle.de, zur Benutzung ist die Registrierung und Freischaltung als Gastgeber nötig. Im Livebetrieb soll der gewünschte Effekt einer höheren Fahrzeugauslastung überprüft werden. Später ist eine Adaption der Plattform geplant, so dass den Hotelmitarbeitern ein Portal zur Organisation von Mitfahrgelegenheiten zur Verfügung steht.

In Balderschwang sind in den zahlreichen Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen viele Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa im Einsatz. Sprachbarrieren und umständliche analoge Infrastrukturen erschweren für die Saisonarbeiter die Erfüllung der Meldepflicht und verursachen erheblichen Mehraufwand vor allem für die Personalverantwortlichen der Hotels und die Gemeindemitarbeiter. Die neu programmierte Anwendung „Dahuim Anmelden“ ermöglicht es den Saisonarbeitern, die Formulare digital in ihrer Landessprache auszufüllen. Die Software wird gerade in enger Abstimmung mit den Behörden finalisiert, die Hardware – ein in ein Pult eingebautes Tablet – ist bereits im Dorfhaus Balderschwang installiert.

Die Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein sind mit drei weiteren Kommunen in einer sogenannten Verwaltungsgemeinschaft („Hörnergruppe“) organisiert. Dies bedingt hohen internen Abstimmungsaufwand und viel Information für Bürger und Besucher. Der touristische Internetauftritt wurde in den letzten Jahren erfolgreich komplett überarbeitet. Nun soll der an Bürger und Kommunalmitarbeiter gerichtete Internetauftritt optimiert werden. Dazu wird durch die Übertragung der Dahoam 4.0-Portale aus den Modellregionen Bayerischer Wald und Rupertiwinkel sowohl die interkommunale Zusammenarbeit verbessert als auch der Zugang zu Informationen für die Bürger erleichtert.

In Balderschwang haben Einwohner, Feriengäste und Tourismusbeschäftigte keine traditionelle Möglichkeit, Produkte des täglichen Bedarfs zu erwerben. Die nächstgelegene Einkaufsmöglichkeit findet sich ca. 12 km entfernt. Dies erschwert auch Anbietern regionaler Spezialitäten, ihre Produkte vor Ort abzusetzen. Um die Nahversorgungssituation in Balderschwang zu verbessern, werden verschiedene Möglichkeiten, sowie der Bedarf an innovativen Nahversorgungsmöglichkeiten durch Vor-Ort-Befragungen bei Gästen, Einheimischen und Produzenten eruiert.

Unbemannte Luftfahrzeuge („Drohnen“) kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn die Vogelperspektive neue Informationen bringt oder ein Transport über etablierte Infrastrukturen schlecht möglich ist bzw. deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Besucherlenkung und der Ausbau des Wander-/Radwegenetzes um das Riedberger Horn erhöht den Aufwand der Wegeinspektion und Zustandsdokumentation deutlich. Drohnen könnten perspektivisch durch rechnergestützte Bildvergleiche diese Aufgabe automatisieren. Ein weiterer denkbarer Anwendungsfall ist die Unterstützung der Feuerwehr. Hier leisten Drohnen mit Wärmebildern wichtige Informationen für die Einsatzleitung, um Brandherde, Ausbreitungsrichtung etc. sofort beurteilen zu können.

Die Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein können Sommer wie Winter zahlreiche Gäste verbuchen. Verkehrsstaus, überfüllte Parkplätze und blockierte Privateinfahrten frustrieren jedoch Besucher und Einheimische gleichermaßen. Die herrschende Pandemie verstärkt den inländischen Overtourism, was zu einer zunehmenden Gefährdung von Flora, Fauna und Sicherheit sorgt. Ziel ist es, im Naturschutzgebiet die Besucherlenkung zu unterstützen. Dabei sollen KI-gestützte Prognosen zur erwarteten Belastung auf Basis von historischen Absatzzahlen, sowie in Abhängigkeit von Wetter und Schneelage helfen. Die Erfassung der Ist-Situation bezüglich der Parkplatzkapazitäten und eine bessere Abstimmung mit ÖPNV sollen ebenfalls dazu beitragen, die Situation zu entschärfen.

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